Auensee. Ein Fund, der selbst erfahrene Fachleute staunen lässt: Die lange Zeit als verschollen geltende „Auenseeer Blindwühle“ (Gymnophiona inventa ilicibus) ist erstmals seit rund eineinhalb Jahrhunderten wieder nachgewiesen worden. Mehrere Exemplare des seltenen Tieres wurden im Rahmen einer routinemäßigen Umweltuntersuchung in einem renaturierten Feuchtgebiet innerhalb des Gemeindegebietes entdeckt. Fachleute sprechen bereits jetzt von einer kleinen Sensation für den regionalen Naturschutz.
„Wir sind ehrlich gesagt überwältigt“, erklärt eine Sprecherin des zuständigen Umweltamtes. „Die Art galt seit dem späten 19. Jahrhundert als verschwunden. Besonders durch den intensiven Tagebaubetrieb, der die Region bis in die frühen 2000er Jahre geprägt hat, gingen Wissenschaftler davon aus, dass geeignete Lebensräume dauerhaft zerstört wurden.“
Bei der Auenseeer Blindwühle handelt es sich um einen Vertreter der Schleichenlurche. Diese Tiergruppe gehört zur Klasse der Amphibien und damit zu den Wirbeltieren – auch wenn ihr äußeres Erscheinungsbild stark an einen Regenwurm erinnert. Die Tiere erreichen eine Länge von etwa 18 bis 22 Zentimetern und leben überwiegend unterirdisch in feuchten Böden. Ihre Augen sind stark zurückgebildet, während Geruchs- und Tastsinn besonders gut entwickelt sind.
Historische Quellen aus regionalen Naturkundesammlungen erwähnen die Art zuletzt um das Jahr 1878. Danach fehlen verlässliche Nachweise vollständig. Einzelne Hinweise aus dem frühen 20. Jahrhundert konnten nie bestätigt werden. Erst jetzt konnte die Art durch morphologische Merkmale sowie erste genetische Untersuchungen eindeutig als Gymnophiona inventa ilicibus zugeordnet werden.
Besonders bemerkenswert ist der Fund aus biogeografischer Sicht: Schleichenlurche kommen weltweit überwiegend in tropischen Regionen vor, vor allem in Südamerika, Zentralafrika, Indien und Südostasien. In gemäßigten Klimazonen Europas gelten sie als extrem selten oder fehlen vollständig. „Dass ein Vertreter dieser Tiergruppe hier überlebt haben könnte, ist außergewöhnlich“, sagt eine beteiligte Biologin. „Das macht die Auenseeer Blindwühle wissenschaftlich enorm interessant.“

Der aktuelle Nachweis gelang in einem Gebiet, das über mehrere Jahre hinweg gezielt renaturiert wurde. Ehemalige Abbauflächen wurden wiedervernässt, Böden stabilisiert und natürliche Vegetation angesiedelt. Messungen zeigen heute eine deutlich höhere Bodenfeuchtigkeit sowie eine stabile Population an wirbellosen Bodentieren – wichtige Nahrungsgrundlage für die Blindwühle.
Nach ersten Einschätzungen könnten mehrere Dutzend Tiere in dem Gebiet leben. Genaue Zahlen sollen jedoch erst nach weiteren Untersuchungen veröffentlicht werden. Fachleute planen derzeit umfangreiche Monitoringprogramme, um Populationsgröße, Fortpflanzungsverhalten und Lebensraumansprüche genauer zu untersuchen.
Aus Artenschutzgründen hält die Gemeinde den genauen Fundort vorerst geheim. Gleichzeitig bittet das Umweltamt die Bevölkerung um Mithilfe. „Sollte jemand ein wurmähnliches Tier mit glatter, feuchter Haut entdecken, bitten wir um eine Meldung – bitte aber keinesfalls anfassen oder entnehmen“, so das Amt.
Für die Gemeinde Auensee hat die Wiederentdeckung auch eine symbolische Bedeutung. Bürgermeister und Umweltverantwortliche sprechen von einem „sichtbaren Zeichen erfolgreicher Renaturierung“. In Zeiten des Klimawandels und zunehmender Flächenversiegelung zeige der Fund, dass konsequente Umweltmaßnahmen langfristig Wirkung entfalten können.
Sollten sich die bisherigen Erkenntnisse bestätigen, könnte die Auenseeer Blindwühle (Gymnophiona inventa ilicibus) künftig eine wichtige Rolle in Forschung und Naturschutz spielen. Gleichzeitig erinnert ihre Geschichte daran, dass selbst in stark vom Menschen geprägten Landschaften unerwartete Rückkehrer möglich sind – vorausgesetzt, Lebensräume werden konsequent geschützt und wiederhergestellt.